WDR-Radiobeitrag vom 08.05.1986

Autorin: Hanne Zens
Abschrift von Ulrich Mandel, 1986

tchernobylNichts ist mehr wie es war.

Der Mai ist gekommen und die Bäume, die trotz des sauren Regens noch die Kraft dazu haben, schlagen aus. In den Gärten blühen die Pfirsichbäume, die Magnolien. Die Bienen sind da und die ersten Schwalben.

Schön sieht das aus.

Aber es wärmt das Herz nicht mehr.

Radioaktivität. Überall. An Quecksilber und Cadmium denkt man kaum noch. Jod, Strontium, Caesium, Plutonium. Auf dem Löwenzahn, auf den Tulpen und den Keimblättern der Sonnenblumen.

Vergissmeinnicht!

Misstrauen geht um.

Was werden im Sommer für Nüsse, was für Erdbeeren, Kartoffeln, was für Getreide wird wachsen, auf den verseuchten Böden, auf die die Bauern ab heute Abend, laut ministeriellem Erlass, ihr Vieh nicht mehr treiben dürfen? Wird ein hoher Stacheldrahtzaun gezogen werden um die Stellen, an denen 10, 20 oder 50.000 Becquerel pro Quadratmeter gemessen worden sind?

Was kann im Herbst noch gefahrlos geerntet werden? Bei uns oder in Russland, in Polen, Rumänien, Kärnten oder Schweden? Wie lange macht es die Amsel noch, die ahnungslos nach dem verseuchten Regenwurm pickt. Verstrahlt ist sie auch. Hatte keine Schutzkleidung an in den letzten Tagen.

„Es gibt keine Veranlassung, die natürlichen Lebensgewohnheiten zu ändern“, verkündete die Strahlenschutzkommission gestern. Und der Tierschutzbund gibt den Rat, Katzen und Hunde warm abzuwaschen, nachdem sie im Freien waren. Natürliche Lebensgewohnheiten?

Ist es etwa keine Veränderung der Lebensgewohnheiten, wenn einem gesagt wird, nicht im Regen rumzulaufen?

Mairegen bringt Segen – diese Zeiten sind wohl vorbei.

Entgegen des Rats der Bonner Strahlenkommission haben viele Menschen ihre natürlichen Lebensgewohnheiten in den letzten Tagen sehr wohl verändert. Sie ziehen die Schuhe aus, bevor sie ihre Wohnung betreten, vernachlässigen das Herrichten des Balkons für den Sommer, fragen sich, warum sie eigentlich aufgehört haben zu rauchen und verbringen viel Zeit damit, zu versuchen, die ständig besetzte Informationsstelle der Landesregierung in Düsseldorf zu erreichen.

Viele sind auch nicht mehr spazieren gegangen. „Unbegründete Hysterie im Freizeitverhalten“, nennt man so etwas in Bonn.

Die Leute jedenfalls, die in Köln nicht spazieren gegangen sind, haben sich klug verhalten. Am Dienstag maß der TÜV in der Domstadt 10.000 Becquerel auf dem Boden und 35.000 Becquerel auf

den Plattenbelägen. Das ist eine ungeheuer hohe Strahlenbelastung, sagt der TÜV in Köln . Aber Innenminister Zimmermann meint, dass „nach den vorläufigen Erkenntnissen keine Gefahr für uns bestand und besteht“.

Ob die Briefträger, die in den letzten Tagen viele Kilometer mit ihren Wägelchen über Plattenbeläge und durch verseuchte Luft gegangen sind, ihm das glauben? Oder ob sie sich fragen: Was bedeutet das? – „vorläufige“ Erkenntnisse?

Die Kinder begreifen überhaupt nicht, was los ist. Raus dürfen sie nicht und ohne das sie besonders frech gewesen wären, fängt die Mutter plötzlich an zu weinen.

Nichts ist mehr wie früher.

In Italien darf 14 Tage lang kein Obst und kein Gemüse mehr verkauft werden. In Holland haben die Wasserproben aus der Maas dazu geführt, dass kein Wasser aus diesem Fluss mehr für die Trinkwasserbereitung benutzt werden darf. In Frankfurt beschließen Ärzte, sich zu Schilddrüsenspezialisten weiterzubilden. In drei, vier Jahren rechnen sie mit sehr guten Verdienstmöglichkeiten.

An der Kölner Uni werden Diplomarbeiten mit dem Thema „Menschen und Radioaktivität“ vergeben“

Hysterie?

Ich weiß nicht.

Während im Kölner Interconti am Montag zwei Kisten Spinat im Mülleimer landeten und jetzt irgendwo auf einer Kippe oder im Schweinefutter weiterstrahlen, werden in den niederländischen Schlachthöfen bereits die Schilddrüsen der geschlachteten Tiere gesammelt und zwischengelagert. 900 Rinder aus Polen durften wegen ihrer hochgradigen Verseuchung nicht nach Italien geliefert werden.

Was passiert mit den Rindern? Wo werden sie zwischen- oder endgelagert? Was wird mit dem Vieh bei uns, wenn das Winterfutter zu Ende ist und die Wiesen immer noch verseucht sind? Was serviert man den Gästen im Interconti, wenn der Blattspinat aus der Tiefkühltruhe aufgebraucht ist?

Und was passiert mit der polnischen Wirtschaft, der niemand mehr ihre landwirtschaftlichen Produkte abkauft?

Woher nimmt sie die Devisen, um bei uns oder anderswo Maschinenbauprodukte zu kaufen?

Wer entschädigt die Exporteure, die Importeure, die Gemüsehändler, die Spediteure?

Wo und wie werden die langlebigen Milchprodukte gelagert, die aus der verseuchten Milch hergestellt werden sollen?

fragezeichenUnd was passiert mit dem Wasser, das an der Grenze zur DDR anfällt, wo die verseuchten LKW“s dekontaminiert werden? – oder mit dem radioaktiven Gemüsewaschwasser?

Die Gemeinden dort, so war zu lesen, weigern sich, das Wasser zu lagern. Wer lagert das Wasser, mit dem wir unser Obst und unser Gemüse abwaschen?

Der Mai ist gekommen und die Radioaktivität schlägt zu.

Die Politiker haben den Löffel an die Wissenschaftler abgegeben. Und die hatten mit einer solchen Situation noch nicht zu tun.

Erneuerbare Energien für Hamm